12.02.2021

Firmenkauf besiegelt Heimatverbundenheit – einheimische Nachfolger beim Glashütter Industriebetrieb GMT

Ein Mann, ein Wort. Zwei Männer, zwei Worte: „Wir übernehmen“. Für Lars und Sören Degenkolb führte der Weg ins Unternehmertum über eine Nachfolgeregelung. Seit 1. Januar 2021 sind die Geschwister offizielle Inhaber der Geräte- und Materialtechnik GmbH (GMT) in Glashütte. Der Betrieb versteht sich auf die mechanische Fertigung von Fräs- und Drehteilen und ist auf Kleinserien nach individuellen Kundenvorgaben spezialisiert. Mit der Übernahme bleiben die studierten Produktionstechniker, die im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge aufgewachsen sind, ihrem Fach und ihrer Heimat treu.

In der Vergangenheit waren sie für unterschiedliche Firmen des Dienstleistungssektors und verarbeitenden Gewerbes tätig, wobei sie mit diversen Materialien wie Kunstoffen, Blechen, aber auch Sicherheits- und Banknotenpapieren in Berührung kamen. Doch die Brüder wollten irgendwann mehr als ein Rädchen im Getriebe eines größeren Unternehmens sein: Sie wollten ihre eigenen Vorstellungen umsetzen und waren bereit, neben einer Firma auch Verantwortung zu übernehmen. Über die Unternehmensbörse www.nexxt-change.org wurden sie auf die GMT aufmerksam. Der Rest ist Geschichte. Mittlerweile leiten sie den Betrieb als geschäftsführende Gesellschafter. Um das Mammutprojekt „Firmenübernahme“ auch finanziell stemmen zu können, holten sich die beiden Sachsen Hilfe bei regionalen Partnern: Die MBG, BBS und Commerzbank zogen an einem Strang, um den Firmenkauf möglich zu machen.

Über ein Jahr lang hatten sich die Degenkolb-Brüder akribisch auf die Übernahme vorbereitet – auch die Corona-Pandemie konnte ihren unternehmerischen Ambitionen nichts anhaben. „Wenn man sich von der aktuellen Krise verunsichern lässt, ist man wohl generell nicht für die Selbstständigkeit gemacht,“ antwortet Lars Degenkolb entschlossen auf die Frage, ob er und sein Bruder jemals an ihren Übernahmeplänen zweifelten. Ähnlich pragmatisch zeigt sich auch Martin Herold, Gruppenleiter Unternehmerkundenberatung der Commerzbank in Plauen, der sich erinnert: „Ich lernte Sören und Lars Degenkolb im Sommer 2020 kennen. In den folgenden Gesprächen, die wegen Corona oft am Telefon oder als Videokonferenzen stattfanden, entwickelten wir gemeinsam ein Konzept zur Finanzierung des Nachfolgevorhabens.“ Mit der Geräte- und Metalltechnik GmbH stand ein etabliertes sächsisches Unternehmen zum Kauf, das 1994 aus dem ehemals verstaatlichten Glashütter Uhrenbetrieb (GUB) ausgegründet wurde. Mittlerweile werden im CNC-Verfahren vielgestaltige Bauteile aus Kunststoff und Metall gefräst und gedreht. Die fundierten Qualifikationen, die die Degenkolbs in diesem Industriezweig vorweisen können, waren laut Hausbank-Vertreter Martin Herold „ausschlaggebend für die weitreichende Zusammenarbeit mit den heutigen Geschäftsführern. Beide hatten sich mit der guten wirtschaftlichen Historie des Unternehmens auseinandergesetzt und bringen nun wohlüberlegt und entschlussfreudig neue Ideen für eine wirtschaftlich sichere Weiterführung des Unternehmens ein.“

Die Commerzbank war es auch, die die BBS und MBG in die Übernahmefinanzierung involvierte. Ihr Beispiel zeigt, wie sich die Leistungen der zwei Wirtschaftsförderer komplementär ergänzen können: Die MBG schaffte die Voraussetzungen für den Firmenkauf, indem sie eine stille Beteiligung an der neu gegründeten Nachfolgegesellschaft einging. Die so gesteigerte Eigenkapitalquote erlaubte den Degenkolbs, wiederum von verbesserten Kreditkonditionen zu profitieren. Den Übernahmekredit stützte die BBS ihrerseits mit einer Bürgschaft ab, die für zusätzliche Sicherheit bei allen Beteiligten sorgte. Das Miteinander von BBS und MBG brachte nicht nur finanzielle Vorteile, wie Sören Degenkolb erklärt: „Besonders hilfreich war, dass wir mit Herrn Reichelt einen Ansprechpartner für gleich zwei Finanzierungspartner hatten. Er war jederzeit für uns erreichbar und alle Zusagen wurden eingehalten – was gerade in Pandemiezeiten bemerkenswert ist. Genauso wie die Commerzbank, die unser Vorhaben von Beginn an unterstützt hat, waren uns die BBS und MBG während des gesamten Finanzierungsprozesses zuverlässige Partner.“ In Form eines Asset Deals erwarben die Brüder schlussendlich alles relevante Betriebsvermögen wie Maschinen und Gebäude von den vier Altinhabern. Einer von ihnen zog sich komplett in den Ruhestand zurück. Die übrigen drei Teilhaber verkauften ihre Anteile, bleiben aber weiterhin im Betrieb tätig und den Neu-Inhabern als Mentoren erhalten. Somit ist eine geordnete Nachfolge sichergestellt.

Die Degenkolbs setzen unterdessen auf allen Ebenen auf personelle Kontinuität: Im Zuge der Nachfolgeregelung übernahmen sie 15 Angestellte und damit langjähriges Knowhow. Zudem erhielten sie Zugang zu einem festen Kundenstamm, der verschiedenste Branchen umfasst. Rund 70 % des Umsatzes erwirtschaftet der Betrieb über Firmen aus Sachsen wie das Dresdner Unternehmen Topas, das Testgeräte für Atemschutzmasken baut und momentan zu den Top-Kunden gehört. Eine komplett neue Firma zu gründen, hatten die Degenkolbs nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Auch ein anderer Firmensitz als Sachsen kam nicht in Frage. Dafür fühlen sich die Neu-Unternehmer ihrer Familie und Heimat zu sehr verbunden. Dies spiegelt sich auch in den Übernahmemotiven wider, die Lars Degenkolb erläutert: „Dem sächsischen Mittelstand mangelt es bekanntermaßen an Nachfolgern. Viele der Unternehmer, die kurz nach der Wiedervereinigung eine Firma gegründet haben, suchen heute händeringend nach Übernehmern. Uns war es ein persönliches Anliegen, ein Unternehmen aus Sachsen fortzuführen und somit Arbeitsplätze in der Region zu erhalten.“ Um die GMT mittel- und langfristig solide aufzustellen, wollen sie weiter in die Nachwuchsausbildung und perspektivisch auch in neue Maschinen investieren. Dass sich Privates und Berufliches bei all dem nie in die Quere kommen – dafür haben die Brüder auf ihre ganz eigene Art vorgesorgt: In der neuen Unternehmenssatzung haben sie festschreiben lassen, dass geschäftliche Angelegenheiten nicht im familiären Kontext zum Thema gemacht werden dürfen.

Bilder:

1) CNC-Drehzentrum bei der GMT

2) fertige Bauteile aus Metall und Kunststoff

3) Mehrfach-Aufspannung – zeitgleiche Bearbeitung mehrerer Bauteile mit einer Werkzeugmaschine

 

Bildquelle: Martin Schumann / GMT GmbH