04.06.2020

Aufgeben ist keine Option – langjähriger Geschäftsführer übernimmt Papierverarbeitung Golzern nach turbulenten Jahren

„Meine Frustrationstoleranzschwelle ist sehr hoch“ – das behauptet Martin Röhrenbeck von sich und verweist damit auf eine Eigenschaft, die das Unternehmerdasein in diesen, von der Corona-Krise überschatteten Wochen wohl um Einiges erleichtert. Der Inhaber der Papierverarbeitung Golzern GmbH (PVG) kann durchaus als krisenerprobt gelten: Schon als er 2009 zum Unternehmen kam, stand es vor einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Damals drohte mit einem Großkunde ein beträchtlicher Umsatzanteil wegzubrechen. Martin Röhrenbeck wandte mit seinem Team das Schlimmste ab und wurde nur ein Jahr später zum Geschäftsführer berufen.

2013 dann der nächste Schicksalsschlag: Zum zweiten Mal binnen eines Jahrzehnts fiel das Firmengebäude der PVG einem schweren Hochwasser zum Opfer. Doch selbst als eine Liquidation unausweichlich wurde, verlor der Geschäftsmann nicht den Mut, sondern baute das Unternehmen wortwörtlich neu auf. Mit finanzieller Hilfe des Altgesellschafters konnte schon ein Jahr später die Arbeit am neu errichteten Firmenstandort in Mutzschen im Landkreis Leipzig aufgenommen werden. Nach all den bestandenen Bewährungsproben erscheint es nur als konsequent, dass Martin Röhrenbeck die PVG nun vom Altinhaber abkaufte und somit zum Eigentümer und Geschäftsführer in Personalunion avancierte. Finanziellen Rückhalt bekam er dabei von der BBS, die mit ihrer Bürgschaft einen Übernahmekredit der HypoVereinsbank absicherte.

Nicht nur beim Vor-Ort-Besuch in Mutzschen zeigte die BBS großes Interesse an der PVG, wie Martin Röhrenbeck erklärt: „Anhand der Rückfragen und Hinweise wurde deutlich, dass sich unsere Beraterin Frau Jacobi tiefer in die Papierbranche eingearbeitet und ein gutes Verständnis angeeignet hatte. Zudem empfand ich es als sehr angenehm, dass der Austausch eine große Menschlichkeit erkennen ließ.“ Für die Gründung der Nachfolge-Gesellschaft nach dem Hochwasser 2013 war der Altinhaber noch einmal als Kapitalgeber eingesprungen, obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt schon im Rückzug befand. Eine Rückkaufoption sah da bereits vor, dass Martin Röhrenbeck die PVG einmal übernehmen würde. Die Bürgschaft der BBS verhalf ihm schließlich zum KfW-Kredit, mit dem er sich den Traum erfüllen und den Kaufpreis finanzieren konnte. Grit Sterzik, die Firmenkundenbetreuerin der HypoVereinsbank in Leipzig, berichtet: „Wir begleiten viele Unternehmensübergaben und -nachfolgen und dabei spielt auch die Unternehmerpersönlichkeit eine sehr wichtige Rolle. Mit Leidenschaft und Kompetenz hat Herr Röhrenbeck mir und unserem Spezialisten für Gründung & Nachfolge, Steffen Begander, sein Unternehmen und die Branche vorgestellt.“ Sie ergänzt: „In solchen Gesprächen ist es wichtig, transparent und offen auch von den schwierigen Momenten und wie damit umgegangen worden ist zu berichten. Wir hatten den Eindruck, dass der Unternehmer mit Herausforderungen sehr gut umgeht, und sehen darin eine wunderbare Basis für eine lange vertrauensvolle Zusammenarbeit.“

Die Wurzeln der PVG reichen bis ins Jahr 1862 zurück als in Golzern eine Papierfabrik entstand, die über 100 Jahre produzierte. Seit 1992 konzentriert man sich auf den Zuschnitt und das Abpacken von Papier als einem zentralen Glied der Wertschöpfungskette, das im Fachjargon als Ausrüstung bezeichnet wird. Zu diesem Zweck stehen am neuen Firmensitz hochmoderne Rollmaschinen sowie Plan- und Querschneider bereit. Sie verarbeiten verschiedenste Papiertypen von Lebensmittel- und Hygienepapieren über technische und grafische Spezialpapiere bis hin zu Karton und Verbundstoffen etwa für den Baubereich. Dabei rüstet die PVG nicht nur Papiere aus, die Kunden wie Papiererzeuger oder -veredler anliefern. Sie tritt auch selbst als Einkäufer von Papier auf, welches sie dann in aufbereiteter Form – etwa in Bögen oder Rollen – an Großhandel oder weiterverarbeitende Firmen vertreibt. Darüber hinaus deckt die PVG den Bereich Systemverpackung ab, wofür ausgewählte Papiere mit speziellen Maschinen exklusiv für einzelne Kunden zugeschnitten und geformt werden. Über alle Geschäftsfelder hinweg wird penibel darauf geachtet, die Ressourcen zu schonen und den Verschnitt so gering wie möglich zu halten. Die gebündelten Kompetenzen in der Papierverarbeitung gibt man bei der PVG bereitwillig an Kunden weiter. Diese erhalten fachkundige Beratung beispielsweise dazu, welche Papiersorte unter wirtschaftlichen, ökologischen und technischen Gesichtspunkten am besten für den vorgesehenen Einsatzzweck geeignet ist.

Dass Martin Röhrenbeck gern bestehende Prozesse hinterfragt und Strukturen strategisch plant, zeigte sich schon früh: Als er im Alter von 15 Jahren erstmalig in einer Papierfabrik arbeitete – damals als Putzkraft – macht er sich bereits Gedanken, wie man den Putzvorgang effizienter organisieren könnte. Der Plan mit Optimierungsmaßnahmen, den er austüftelte, wurde von seinem Arbeitgeber dankend umgesetzt. Nach seinem Schulabschluss lernte er den Beruf des Papiermachers dann von der Pike auf. Schnell wurde dem ambitionierten jungen Mann bewusst, dass er die Karriereleiter weiter nach oben klettern wollte. Also hängte er ein Ingenieurstudium in München an. Es folgten Stationen bei großen Papierunternehmen im In- und Ausland. Zwischenzeitlich erlangte er als Berater aufschlussreiche Einblicke in verschiedene Firmen. „In dieser Zeit festigte sich bei mir der Wunsch, selbst Unternehmer zu sein. Als Angestellter sind die Gestaltungsmöglichkeiten oftmals begrenzt. Ich jedoch wollte schon immer etwas bewegen und war auch bereit, Verantwortung zu übernehmen“, erinnert sich Martin Röhrenbeck. Dazu zählt für ihn auch gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Als 2013 die Neugründung der Firma zur Debatte stand, zweifelte er keine Sekunde daran, dass er mit der bewährten Mannschaft in der gleichen Region weiter machen wollte – wohlwissend, dass eine Verlagerung des Betriebs nach Osteuropa rein ökonomisch betrachtet günstiger gekommen wäre. Die 42 Mitarbeiter, die er mittlerweile in Nordsachsen beschäftigt, danken es ihm.

Vor allem in der aktuellen Krisensituation wird deutlich, wie wertvoll und schwer ersetzbar eingespielte Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung sind. Ende März, zum vorläufigen Höhepunkt der COVID-19 Gesundheitskrise, sieht Martin Röhrenbeck die größte Belastung für seine Firma darin, dass Eltern durch geschlossene Kindergärten und Schulen als Arbeitskräfte ausfallen. Dennoch hat er betroffenen Angestellten bewusst ermöglicht, bezahlten Sonderurlaub zu nehmen und ihre Kinder zu Hause betreuen zu können. Umgekehrt zeigte sich die Belegschaft extrem flexibel und leistete bereitwillig Mehrarbeit, wann immer es die familiäre Situation zuließ. So kann Martin Röhrenbeck heute, rund drei Monate nach Ausbruch der Krise, keine signifikanten Einbußen bei der Gesamtproduktivität verzeichnen. Aufträge gab es nämlich auch zuletzt mehr als genug abzuarbeiten. Vor allem die Nachfrage nach Spezialpapieren für den Medizinbereich, nach Verpackungspapier für Tiefkühlwaren und, wenig verwunderlich, nach Toilettenpapier war stark gestiegen. Einmal mehr bestätigt sich in diesen Wochen die Marktmetapher des Unternehmers: „Der Markt ist wie ein Spielfeld, auf dem ständig neue Spieler hinzukommen und auch wieder verschwinden. Gleichzeitig ändern sich die Spielregeln genauso schnell wie die Rahmenbedingungen.“ Neben seinen Führungsqualitäten hat er während der Corona-Pandemie unter Beweis gestellt, dass er auch kurzfristig auf veränderte Spielregeln zu reagieren weiß. Sein Team, das auf dem Feld trotz erschwerter Bedingungen das Beste gab, durfte sich unterdessen über eine Corona-Prämie freuen. Denn die in der Vergangenheit überwundenen Tiefpunkte haben Martin Röhrenbeck eins gelehrt: Motivierte, zufriedene Mitarbeiter sind in Krisenzeiten spielentscheidender denn je.

 

Bildquelle: Papierverarbeitung Golzern GmbH