17.01.2020

Phoenix aus der Asche – Mitarbeiter bringen Nico Fahrzeugteile nach der Planinsolvenz zurück auf Erfolgskurs

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Als Markus Rütz und Andreas Vogel unabhängig voneinander ihre Lehre im gleichen Betrieb begannen, dachten beide nicht im Traum daran, dass sie den Ersatzteilhandel einmal übernehmen würden. Mittlerweile ist genau das eingetreten. Seit 1. Oktober 2019 sind die Männer offiziell Inhaber der Nico Fahrzeugteile GmbH mit Hauptsitz in Großweitzschen bei Döbeln. Nach dem Ausscheiden des Alteigentümers, der den Betrieb im baden-württembergischen Bad Rappenau gründete und später den zweiten Standort in Sachsen errichtete, führen sie das Unternehmen nun gemeinsam mit frischen Ideen in die Zukunft.

Was sich zunächst nach einer gewöhnlichen Nachfolgeregelung anhört, hat nicht nur von den neuen Eigentümern außergewöhnliches Engagement gefordert. Neben der Kreissparkasse Döbeln, die die Firmenübernahme finanzierte, und der BBS, die den Übernahmekredit verbürgte, spielt auch die Insolvenzverwaltung WallnerWeiß eine entscheidende Rolle. Damit wird deutlich: Hinter der Nico Fahrzeugteile liegen finanziell schwierige Zeiten. Doch davon ließen sich Markus Rütz und Andreas Vogel keinesfalls abschrecken, sondern nur noch mehr anspornen. Und damit waren sie nicht allein: Auch die Mitarbeiter zogen während des fünfjährigen Sanierungsprozesses am gleichen Strang, so dass die Firma heute wieder wirtschaftlich solide aufgestellt ist und schwarze Zahlen schreibt.

Während des gesamten Insolvenzplanverfahrens, das 2014 eingeläutet wurde, hielt auch die Kreissparkasse Döbeln zu der sächsischen Firma. Die Bereitschaft, ein Fortführen des Unternehmens mit neuen Eignern zu unterstützen, war jedoch an den Nachweis von Sicherheiten geknüpft. Dabei kam den Nachfolgern die BBS zur Hilfe. Sie manifestierte mit einer Bürgschaftszusage ihren Glaube an die Zukunft des Unternehmens – und bestätigte zugleich auch die neuen Geschäftsführer in ihrem zukünftigen Kurs, wie Markus Rütz erklärt: „Die Zusammenarbeit mit der BBS war für uns aufgrund der wirtschaftlichen Prüfung und der gezielten Fragen zum Unternehmenskonzept eine zusätzliche Sicherheitsprüfung für unsere Unternehmensausrichtung und die Unternehmensfinanzierung. Die abschließend positive Prüfung hat uns in unseren Plänen bestärkt.“ Dabei profitierten die heutigen Inhaber der Nico Fahrzeugteile auch von dem ein oder anderen hilfreichen Hinweis der BBS: „Die strategische, langfristig ausgerichtete Beratung durch die Berater der Bürgschaftsbank hat die Grundlage für ein stabiles Finanzierungskonzept geschaffen.“ Dass sich das Insolvenzverfahren dennoch mehrere Jahre hinzog, lag vor allem an der ausstehenden Rechtsprechung zum Thema Sanierungserlass. Als der Bundesfinanzhof schließlich das mit Spannung erwartete Urteil fällte, konnte das Management-Buy-Out im Herbst 2019 in kürzester Zeit abgewickelt werden.

Der Sanierungsprozess hatte alle Parteien gezwungen, die bisherige Unternehmensstruktur kritisch zu hinterfragen. Über die Jahre hinweg war unter dem Dach der Nico Fahrzeugteile Holding ein schwer durchschaubares Konglomerat verschiedener Tochterfirmen entstanden, die sich auf unterschiedlichen Geschäftsfeldern bewegten. Im Zuge der Planinsolvenz besann man sich schließlich auf seine Kernkompetenzen – den Handel mit Ersatzteilen für PKW-Anhänger – zurück und befreite sich von allem überflüssigen Ballast. Mittlerweile sind die Holding und unrentable Tochterfirmen aufgelöst. Das profitable Herzstück, die Nico Fahrzeugteile GmbH, ist nach Übereinkünften mit den Gläubigern entschuldet. Antje Winkler, Intensiv- und Sanierungsberaterin bei der Kreissparkasse Döbeln, begleitete den Sanierungsprozess von Seiten der Hausbank: „Uns beeindruckte die unbeirrte Konzentration der neuen Unternehmer auf die tatsächlichen Stärken der Nico Fahrzeugteile GmbH. Trotz der widrigen Umstände während des lang andauernden Insolvenzverfahrens wurde das eigentliche Ziel durch Herrn Rütz und Herrn Vogel nie aus den Augen verloren und stetig und konsequent am positiven Fortbestand der Firma gearbeitet. Bereits wenige Monate nach Insolvenzeröffnung zeigten die betriebswirtschaftlichen Zahlen einen positiven Trend.“ Ein Trend, der bis heute anhält.

Das schnelle und doch nachhaltige Gesunden der Firma war auch deshalb möglich, weil die jetzigen Eigentümer bereits bestens mit dem Unternehmen vertraut waren und ihre Rettungsmission ohne lange Einarbeitungszeit umsetzen konnten: Während der Absolvent der BWL und europäischen Handelsbeziehungen Markus Rütz zuvor als Assistent der Geschäftsführung vor allem kaufmännisch tätig war, hatte sich der studierte Maschinenbauer Andreas Vogel zuletzt als technischer Vertriebsleiter eingebracht. „Wir beide und auch unsere Kollegen sind aufgrund der langjährigen gemeinsamen Tätigkeit in der Firma stark mit der Nico Fahrzeugteile GmbH verbunden“, berichtet Andreas Vogel, der weiter erläutert: „Zu Beginn der Sanierung war somit die erste Priorität sicherzustellen, dass die Nico Fahrzeugteile GmbH die Insolvenz überleben kann. Anschließend war unser Ziel, die Firma wieder zur gewohnten Stärke zurückzuführen und die zukünftige Ausrichtung voranzutreiben.“ Als dieses Ziel erreicht war und die Risiken zunehmend kalkulierbarer wurden, sah man sich schließlich auch für die Firmenübernahme gewappnet. Andreas Vogel dazu: „Es war somit eher ein Weg, an dessen Ende eine Übernahmeentscheidung anstand, die wir auf der Grundlage der gesammelten Erfahrungen entschieden und klar mit ‚Ja!‘ beantworten konnten.“

Unterdessen brachte das neue Führungsduo die Nico Fahrzeugteile vor allem technisch auf den neuesten Stand. So wurde u.a. der Kundenservice digitalisiert: Eine speziell entwickelte App erlaubt Kunden heute, Bilder defekter PKW-Anhänger direkt vom Smartphone zu verschicken, was die Fehleranalyse vereinfacht und beschleunigt. Bald schon wird es möglich sein, das benötigte Ersatzteil auch gleich über die App zu bestellen und zu bezahlen. In bewährter Nico-Geschwindigkeit erhält der Kunde das Teil dann schon am nächsten Werktag. Um technisch autark agieren zu können, haben Markus Rütz und Andreas Vogel – erneut mit Unterstützung der Kreissparkasse Döbeln und der BBS – nun auch in eine eigene Server-Infrastruktur investiert. Die IT-Offensive, so betonen die Nachwuchsunternehmer, dient ausschließlich dazu, die Mitarbeiter zu entlasten und nicht zu ersetzen. Überhaupt steht das Wohl der Angestellten für sie an erster Stelle. Daher gewährt man der Belegschaft neuerdings auch einen freien Vormittag pro Woche – bei Vollzeit-Gehalt. Die beiden Unternehmenslenker haben verstanden, dass zufriedene Mitarbeiter auch motivierte Mitarbeiter sind. Außerdem wissen sie, was sie ihrem 35-köpfigen Team verdanken. Ohne das unentwegte Engagement der Mitarbeiter gerade auch während des Sanierungsverfahrens würde die Nico Fahrzeugteile heute nicht mehr existieren, sind sich Markus Rütz und Andreas Vogel sicher.

 

Bildquelle: Nico Fahrzeugteile GmbH