24.06.2019

Jahrhundertealtes Handwerk in hochmodernen Räumen – SIKETHO-Inhaberin führt Saitenmacherei an neuem Standort fort

Ein schicksalhafter Zufall, eine große Portion Nervenkitzel und jede Menge persönliche Hingabe. Die Geschichte von Silke Keller-Thoß bietet Stoff für einen packenden Kinofilm, wie er auch von einem Hollywood-Regisseur stammen könnte. Durch einen TV-Beitrag erfuhr die Unternehmerin, dass Saitenmachermeister Wolfgang Frank händeringend nach einem Nachfolger für seinen Betrieb EFRANO suchte.

Kurz darauf fand sie sich in seinem Haus wieder, wo die ausgebildete Fachkraft nach 20-jähriger Berufsabstinenz wieder Saiten für Instrumente, Uhren und Hobbybedarf fertigte – und das nicht nur nach uralter Handwerkstradition, sondern eben auch in alten Gemäuern ohne zeitgemäße Heizung und Abflüsse. Schnell wurde ihr klar: Will sie den Betrieb übernehmen, braucht sie eine neue Werkstatt. Die Zeit drängte, doch bei den Banken war kurzfristig kein Kredit aufzutreiben. Zu groß war die Unsicherheit, ob die Saitenmacherei Zukunft hat und zu gering waren die finanziellen Sicherheiten, die Silke Keller-Thoß besaß. Als das Übernahmevorhaben schon zu scheitern drohte, sorgte die BBS in letzter Minute für ein Happy End: Sie verschaffte der Geschäftsfrau die dringend benötigte Finanzierung, indem sie als Bürge gegenüber der VR-Bank Fichtelgebirge-Frankenwald eG einsprang. Beim Aufbau ihres Saitenmacher-Betriebs SIKETHO konnte die Vogtländerin zudem auch auf die Unterstützung der Handwerkskammer Chemnitz zählen.

Rückblickend hält Matthias Roderer, der die Gründung auf Bankenseite betreute, heute fest: „Der Tatendrang von Frau Keller-Thoß und die Schnelligkeit, mit der sie das Projekt angeht, hat mich im Erstgespräch schon etwas beeindruckt. Als VR-Bank Fichtelgebirge-Frankenwald e.G. sehen wir es als unsere Aufgabe, Existenzgründern und vor allem kleinen und mittleren Unternehmen als kompetente Firmenkundenberater zur Seite zu stehen.“ Binnen kürzester Zeit hatte Silke Keller-Thoß damals ihre neue Firma angemeldet und mit dem Bau begonnen. Rückhalt erhielt sie in dieser anstrengenden Phase von Familien und Bekannten, die mit Freundschaftsdiensten und Sachmitteln aushalfen. Ein Kreditgeber stand in dieser Phase nämlich noch nicht fest. In ihrer finanziellen Not schrieb die Gründerin schließlich einen Brief an den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig. Mit Erfolg: Sein Ministerium nahm sich der Sache an und vernetzte sie mit der BBS, womit die Geschichte ihre positive Wendung nahm. Als wichtiger Wegbereiter erwies sich zudem ihr Wirtschaftsberater, wie die Einzelunternehmerin erklärt: „Durch Andre Walter von Contrust in wurde ein tragfähiges Unternehmenskonzept erarbeitet, das mir nach einigen Anlaufschwierigkeiten die Finanzierung mit einer entsprechenden Bürgschaft sicherte. Da die Saitenproduktion mit Naturdarm so gut wie nicht bekannt war, bedurfte es Überzeugung für mein Vorhaben, das letztendlich zum Erfolg führte."

In den Bereichen Messen und Patentrecht wird Silke Keller-Thoß von den betriebswirtschaftlichen Beratern der Handwerkskammer Chemnitz unterstützt. Dabei zeigt sich, dass die Berater nicht nur spezialisiertes Wissen aus ihren Fachgebieten vermitteln können, sondern auch über Einfühlungsvermögen verfügen: „Zu einer guten Beratung gehört auch das Zuhören-Können, das Abholen des Unternehmers dort, wo er oder sie gerade steht“, sagt Messe- und Außenwirtschaftsberaterin Andrea D’Alessandro von der Handwerkskammer Chemnitz. „Direkt danach kommen die Lösungssuche und die konkrete Hilfestellung.“ Als sich Silke Keller-Thoß im Zuge der SIKETHO-Gründung an die Handwerkskammer wandte, konnte sie bereits viele Jahre Unternehmererfahrung vorweisen. Seit ihrem 19. Lebensjahr ist das Multitalent schon selbständig – zunächst als Schaustellerin und später auch als Pressefotografin, wobei die passionierte Fliegerin unter anderem Luftaufnahmen erstellte. Zuletzt führte sie ein eigenes Restaurant in Auerbach. Die Ausbildung zur Saitenmacherin hatte sie einst tatsächlich nur als Mittel zum Zweck absolviert: Erst mit einer bestandenen Facharbeiterprüfung konnte sie damals in der DDR einen Gewerbeschein anmelden und so ihren ursprünglichen Wunschberuf der Schaustellerin ausüben. Doch wie so oft im Leben kam später alles anders als geplant.

Per Zufall sah sie vor zwei Jahren den Aufruf von Wolfgang Frank, Chef der Saitenmacherei EFRANO, im MDR. Als sie hörte, dass das 1919 gegründete Familienunternehmern mangels eines Nachfolgers kurz vor dem Aus stand, bewertete sie das als Wink des Schicksals. „Ich habe den Beruf des Saitenmachers von der Pike auf gelernt und betrachte es als meine Berufsehre, ein 100-jähriges Unternehmen fortzuführen. Mich überzeugt die große Resonanz, die ich auf den verschiedenen Messen erhalte.“ Anzutreffen ist die ehrgeizige Geschäftsfrau etwa auf der Uhrenmesse in München sowie bei Musikmessen in Frankfurt, Regensburg oder im österreichischen Ried. Im Dezember reist sie für eine Messe sogar bis nach Istanbul. Ihr Business, das im südwestsächsischen Ellefeld beheimatet ist, hat wahrlich internationale Spannkraft. Aus Irland bezieht sie die von Schweinen und Rindern stammenden Rohdärme. Über ihren Webshop nimmt die SIKETHO-Inhaberin Bestellungen von Instrumentenbauern, Uhrmachern und Großhändlern aus aller Welt entgegen. Die fertigen Saiten, die sie in reiner Handarbeit herstellt, liefert sie dann bis nach Japan oder Neuseeland. An Motivation fehlt es Silke Keller-Thoß nicht: „Ich bin mir der Tragweite meines kleinen Unternehmens bewusst und das beflügelt mich in meiner täglichen Arbeit, das Beste zu geben.“

Mit ihrem unermüdlichen Einsatz und Willen ist es Silke Keller-Thoß gelungen, dass das heute nicht mehr gelehrte Saitenmacher-Handwerk weiterhin Bestand hat und sie den altehrwürdigen Beruf in einem nagelneuen Firmengebäude ausüben kann. In einer Rekordzeit von nur 12 Monaten waren auf einem neu erworbenen Firmengrundstück Wasser, Strom und Gas verlegt und ein schlüsselfertiges KfW-Energiesparhaus aufgestellt worden. So konnte die engagierte Bauherrin die moderne Werkstatt im Dezember 2018 beziehen – genau in dem Monat erhielt sie auch das heiß herbei ersehnte Fremdkapital von der VR-Bank Fichtelgebirge-Frankenwald eG. Firmenkundenberater Matthias Roderer dazu: „Mit ausschlaggebend für die Finanzierung war neben dem avisierten Engagement der Bürgschaftsbank Sachsen, dass der Altmeister weiterhin Frau Keller-Thoß unterstützt und die Kunden und Erfahrungen in die Neugründung einbringt. Als erfahrene Unternehmerin und letzte gelernte Saitenmacherin Deutschlands hat Frau Keller-Thoß die Übernahme des gut eingeführten Betriebes erfolgreich vorangetrieben.“ Was einst aussichtlos erschien, hat dank des Miteinanders der BBS, der VR-Bank Fichtelgebirge-Frankenwald eG und der Handwerkskammer Chemnitz also doch eine Perspektive erhalten. Die Geschichte von Silke Keller-Thoß macht somit deutlich: Filmreife Stories werden nicht nur in Hollywood, sondern auch in Sachsen geschrieben.

Übrigens: Den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig hat die Frau der Tat mittlerweile auch persönlich getroffen. Er hatte sie vergangenes Jahr zur Außenwirtschaftswoche eingeladen, an deren Eröffnungsfeier sie in Dresden teilnahm. Dieses Jahr konnte sie seiner Einladung leider nicht folgen – und das aus einem durchaus erfreulichen Grund: Zu beschäftigt war sie damit, die vielen Kundenaufträge abzuarbeiten.

 

Bildquelle: SIKETHO